7. Digital …Keynote – Digitale Identitäten – Nutzen für Banken und ihre Kunden

Die 7. Digital…Keynote fand am 25. März statt. Der interessante Abend stand unter dem hochaktuellen Thema: „Digitale Identitäten – Nutzen für Banken und ihre Kunden“. Hier präsentieren wir Euch nochmals die wichtigsten Erkenntnisse zu digitalen Identitäten, ihre Vorteile für die Nutzer und Ertragspotenziale für Banken.

Digitale Identitäten und Identitätsplattformen: Konzept und Technologie

Samuel Pfister und Lukas Genßler, Experten für digitales Identitätsmanagement bei zeb, eine der führenden Strategie- und Managementberatungen für Banken und Versicherungen in Europa, leiteten mit folgender Frage in das Thema ein: Wie oft muss man sich eigentlich im Alltag identifizieren? So trivial die Frage klingt, so schnell ist sie dennoch nicht zu beantworten – was die Stille auf Seiten der 16 Zuhörer vermuten ließ. So gibt es im Alltag unzählig viele Situationen, die eine persönliche Identifizierung (oder Authentifizierung) erfordern. Zugleich bringt die Digitalisierung immer mehr Logins und Verifizierungsvorgänge mit sich. Am naheliegendsten sind unter Umständen eine Kontoeröffnung oder andere Bankgeschäfte. Aber auch internationale Reisen, Wahlen und Behördengänge, Onlinegeschäfte, Bewerbungsverfahren oder Gesundheitsleistungen machen eine Identifizierung notwendig – die trotz digitaler Kundenschnittstellen heutzutage noch häufig über analoge oder physische Mittel wie Personalausweis oder Reisepass erfolgt. Für eine digitale Authentifizierung werden andere Komponenten (wie Username oder Passwort) verwendet. Aber welche persönlichen Eigenschaften kommen grundsätzlich in Betracht, um sich „auszuweisen“? Oder anders gefragt: Was ist eine Identität? Lukas Genßler verwies an dieser Stelle auf die drei charakterisierenden Eigenschaften:

  1. Angeborene Charakteristika (wie Augenfarbe, Fingerabdruck etc.)
  2. Erworbene Charakteristika (wie Wohnort, Sprache etc.)
  3. Gesammelte Charakteristika (wie gesammelte Daten etc.)

Durch Bündelung in einem digitalen Format werden Informationen zu diesen Charakteristika als digitale Identitäten nutzbar gemacht. Grundlage hierfür ist ein sogenanntes digitales Identitätssystem, in dem neben den Nutzern die Dienstleister und Identitätsprovider die wesentlichen Akteure sind. Letztere übernehmen die rechtssichere Verwaltung und Bereitstellung der digitalen Identitäten in einem Netzwerk. Mit das bekannteste Beispiel für einen solchen Identitätsprovider in Deutschland ist wohl yes.com. Hierbei ist hervorzuheben, dass yes.com wirklich nur eine Schnittstellenfunktion (API) und selbst keinen Zugriff auf die Daten hat. Man kann sich das vielleicht am besten als eine Art Verteilerkasten oder Steckdosensystem vorstellen. yes.com muss nur dafür sorgen, dass der Stecker in die Steckdose passt und den Transport der Daten sicherstellen.

Abb. 1: yes® funktioniert mit allen Banken — selbst mit denen, die nicht teilnehmen
Quelle: https://yes.com/de (Zugriff am 26.03.2021)

Und welche Rolle nimmt nun eine Bank im digitalen Identitätssystem ein? Schon jetzt agieren Banken als Identitätsprovider, die Identitäten ihrer Kunden verwalten und über die standardisierte Schnittstelle von yes.com bereitstellen. Auch die Sparkassen und Genossenschaftsbanken haben sich im Rahmen ihrer Digitalisierungsoffensive am Identitätsprovider yes.com beteiligt. Im Gegensatz zu den typischen Tech-Unternehmen, sind digitale Identitäten vor allem für Banken als Finanz- und Vertrauensintermediäre elementar. So fügen sich digitale Identitäten nahtlos in die volkswirtschaftlichen Transformationsleistungen (Fristen-, Losgrößen- und Risikotransformation) von Banken ein. Die Erweiterung auf den Identitätsintermediär ist aufbauend auf den Transformationsleistungen der nächste logische Schritt. Wir vertrauen darauf, dass Banken Finanztransaktionen korrekt und rechtssicher durchführen, sodass Banken de facto bereits als Vertrauensintermediär auftreten. Konkret würden wir doch unsere Daten lieber unserer Hausbank offenbaren als bspw. Google, Facebook, Amazon und Co. Ferner verlangen die regulatorischen Anforderungen eine rechtssichere Identifizierung insbesondere von Neukunden (Stichwort: Geldwäschegesetz). Folglich besitzen Banken ohnehin alle, für eine rechtsichere Identifizierung notwendigen Kundendaten. Google, Facebook und Co. haben zwar enorme Reichweiten, sind aber keine Banken und müssen sich daher nicht an die gleichen Standards halten. Sie verfügen weder über verifizierte Daten, noch erfüllen sie die hohen Sicherheitsniveaus. Kurzum: Banken befinden sich aufgrund ihrer Funktion als Finanz- und Vertrauensintermediär in einer prädestinierten Position, um digitale Identitäten nutzbar zu machen und in der Gesellschaft zu etablieren.

Wie profitieren der Nutzer und der Bankensektor von Plattform-Identitätslösungen?

Bleibt noch die Frage nach den Chancen und Nutzen für Banken und ihre Kunden (d.h. der Nutzer digitaler Identitäten) offen. Schließlich ist die Verwaltung digitaler Identitäten kein Selbstzweck.

Die beiden größten Vorteile für den Nutzer lassen sich am besten anhand des digitalen Identifikations- und Authentifizierungskreislaufes illustrieren. Zum einen müssen Nutzer sich nur einmalig im Rahmen der Registrierung bei einem Identitätsprovider identifizieren, denn der Identitätsprovider kann den Nutzer bei dritten Dienstleistern authentifizieren. Wenn die digitale Identität einmal angelegt ist, so kann diese zur Authentifizierung genutzt werden – es handelt sich bei der digitalen Identität folglich um kein Einmalprodukt. Zum anderen wird die digitale Identität erst durch die Verwendung bei Dienstleistern mit weiteren Informationen angereichert und laufend aktualisiert. Durch dieses fortlaufende Update (beispielsweise der Adresse oder der Telefonnummer) können administrative Prozesse für den Nutzer schneller und einfacher gestaltet werden. Die Rückkopplung mit der Datenanreicherung ist der entscheidende Unterschied beispielsweise zur digitalen Bürgerkarte in Österreich, bei der es sich um eine one-way-Lösung handelt.

Abb. 2: Digitaler Identifikations- und Authentifizierungskreislauf

Für Banken bieten digitale Identitäten zahlreiche Vorteile in Bereichen wie Compliance, Kundenbindung und Vertrieb. Da die digitale Identität immer wieder genutzt werden kann, können beispielsweise vielfältige Prozesse verschlankt werden. Komplexität und Medienbrüche werden abgebaut und durch ein automatisches, ohne manuelle Prüfvorgänge durchführbares Onboarding abgelöst. Auch können Bankprodukte mithilfe der Nutzung personenbezogener Informationen maximal personalisiert werden. Mit Blick auf die strengen regulatorischen Anforderungen an die Kundenlegitimation, können Compliance-Risiken mithilfe von KYC (know your customer)-Prozessen reduziert werden. Unterm Strich ergeben sich somit durch die Verwaltung digitaler Identitäten neue Ertragspotenziale. Anschaulich ausgedrückt, könnten digitale Identitäten und die damit verbundenen Zusatzleistungen wie ein Produkt kommerzialisiert und hierdurch Gebühren in Rechnung gestellt werden.

Zielbild und Wrap-up

Abrundend zeigten uns Samuel Pfister und Lukas Genßler noch ein angestrebtes Zielbild auf: ein umfassendes Identitätsnetzwerk, das zu einer industrieübergreifenden Kollaboration basierend auf gemeinsamen Standards führt. Dementsprechend sollte die langfristige Zielperspektive in einer bruchfreien, branchenübergreifenden Customer Experience sowie einer umfassenden Wertschöpfung auf Basis digitaler Identitäten bestehen.

Die Vorteile digitaler Identitäten liegen – wie von Samuel Pfister und Lukas Genßler eindrucksvoll und spannend aufgezeigt – sowohl für Banken als auch für ihre Kunden auf der Hand (Win-Win-Situation). In puncto Sicherheit stehen digitale Identitäten der klassischerweise physischen Legimitation über den Personalausweis oder Reisepass nicht nach. Sowohl für den Nutzer als auch für den Provider ist der Rückgriff auf eine zentrale digitale Identität, die einmal sicher verifiziert wurde und laufend aktualisiert wird, die komfortabelste Lösung. Insofern sollten digitale Identitäten auf jeden Fall zum zentralen Bestandteil des zukünftigen Banking-Ökosystems werden.

Inwieweit Banken tatsächlich Schnittstelle und Identitätsportal zu anderen Branchen werden, wird nicht zuletzt mit der Nutzerakzeptanz, ergo Verbreitung, stehen und fallen. Nutzer müssen sich an dieses Identitätsnetzwerk andocken, um die erforderliche kritische Masse zu erreichen und die Skalierbarkeit sicherzustellen.

Am Ende der 7. Digital…Keynote konnten die Teilnehmenden mit Blick auf die Uhr kaum glauben, was für Chancen ein umfassendes Identitätsnetzwerk für die Bank und für jeden einzelnen bietet und welche hochinteressanten Aspekte digitaler Identitäten in nur einer Stunde an uns über Zoom vermittelt wurden. Damit bleibt an dieser Stelle noch herauszustellen, wie nützlich dieses Online-Format ist, und es bietet gerade in Zeiten von Social-Distancing eine tolle alternative Abendgestaltung. Deshalb herzlichen Dank an die kompetenten Keynote-Speaker Samuel Pfister und Lukas Genßler sowie die Organisatoren – ohne die ein solch spannender Abend nicht zustande gekommen wäre!

Tipp: Für weitere Details zu WebID und KontoIdent könnt ihr auch sehr gerne folgendes Interview von zeb mit dem Gründer von WebID, Frank Jorga, lesen: https://bankinghub.de/innovation-digital/videoidentifikation

Vortragsfolien zum Download

Julia Schneider

Julia Schneider

Wissenschaftliche Mitarbeiterin
Justus-Liebig-Universität, Gießen
DHBW Karlsurhe 2014