Bericht 4. Digital … Keynote

Die vierte Digital…Keynote konnte am 8.9.20 um 20 Uhr als Nachholtermin stattfinden. Zum gemütlichen remote-Netzwerken trafen sich in Form eines Webinars zwölf Mitglieder der Bank…Verbindung e.V. mit unserem Keynote-Speaker Malte Rau. Der Abend stand unter der Überschrift „Erfahrungen eines Gründers / Entwicklung von Fintechs aus Sicht eines Risikomangers". Der Einstieg in das Webinar funktionierte bei allen ohne Probleme, was einerseits an der tollen Organisation, andererseits auch an den Erfahrungen aus dem Social-Distancing im privaten und beruflichen Bereich liegen dürfte. Nach einem demnach reibungslosen Start in den Abend, konnte Malte uns direkt mit seiner Vita begeistern. Ohne hier tiefer ins Detail gehen zu wollen (hierfür gibt es soziale Netzwerke), waren die Stationen in Fintechs, Startups und im Consulting prädestiniert für seine Karriere als Gründer in der Finanzbranche. Als roter Faden zogen sich die Themen Risikomanagement und Entwicklung von Plattformlösungen im Bereich Zahlungsverkehr und Kreditwesen durch die einzelnen Stationen seiner Vita.

Das Risikomanagement in Fintechs erachtet Malte als oft sehr stark vernachlässigt. Ein eindeutiges Indiz hierfür gibt die Betrachtung der Aufwandspositionen in den Jahresabschlüssen dieser. Hier finden sich meist extrem hohe Marketingetats und im Verhältnis hierzu geringfügige Kosten für Risikovorsorge. Selbstverständlich sollte gerade in den ersten Jahren mit den finanziellen Mitteln eng kalkuliert werden, da in vielen Fällen der Sales-Prozess erst nach rund zwei Jahren beginnt und bis dahin erst einmal in Vorleistung gegangen wird. In der Zeit wird von einem Gründer großes Durchhaltevermögen gefordert. Hier spielt nicht nur die Verantwortung gegenüber den Shareholdern und möglichen Angestellten eine Rolle, es geht hier auch um das Ansehen des Gründers in der Branche. Je länger ein Fintech am Markt ist, desto schwerer ist es demnach, dieses aufzugeben.

Grundsätzlich sieht Malte zum Risikomanagement in klassischen Banken zwar viele Gemeinsamkeiten, beispielsweise ist eine Kreditvergabeprüfung eben eine Kreditvergabeprüfung, nichts desto trotz gibt es auch gravierende Unterschiede. Sicherlich wird eine auf AI basierte bzw. durch diese ergänzte Kreditprüfung in Summe bessere Ergebnisse liefern als eine rein manuelle Prüfung durch eine Person. Dennoch ist es zu hinterfragen, ob AI jemals alle Skills eines Kreditsachbearbeiters oder Kreditberaters erlernen kann. Hier zeigt sich eine weitere Herausforderung mit der sich Fintechs täglich konfrontiert sehen und die es zu meistern gilt: das Aufeinandertreffen von gänzlich unterschiedlichen Persönlichkeiten in den Teams der Mitarbeiter. Es herrscht oftmals ein großes Gap zwischen „Oldschool-Bankern“ und „Techies“, allerdings ist eine Symbiose derer maßgeblich entscheidend, um erfolgreich Lösungen am Markt platzieren zu können.

Malte nennt zwei zentrale Themen in Bezug auf das Risikomanagement in Fintechs, die Portfoliosteuerung und die Auswahl und Formung des Geschäftsmodells selbst. Bei der Portfoliosteuerung im Kreditgeschäft sieht er beispielsweise eine häufige Vernachlässigung von kleinen Losgrößen mit sehr schlechten Bonitäten, diese werden gerne unbeachtet gelassen. Weiterhin ist gerade in den ersten Phasen des Wachstums das Gesetz der Großen Zahlen ein ständiger Begleiter im Vergleich zu den bereits am Markt etablierten Fintechs. So bleiben gerade im Kreditgeschäft gute Bonitäten oft bei traditionellen Banken und weniger gute bis schlechte suchen Alternativen am Fintechmarkt.

Die Auswahl des Geschäftsmodells beginnt schon bei der Frage, ob und wie viel Expertise oder einfach Mut etwas Neues auszuprobieren notwendig ist. Malte unterscheidet in der Fintech- und Startup-Szene zwei grundlegende Extreme, zwischen denen jedes einzelne sich platzieren muss. Die einen sind absolute Experten auf ihrem Themengebiet und andere haben super Marketingkampagnen und demnach fantastische Außenwirkungen, aber nur wenig Substanz im Hintergrund. Hierüber sollte sich ein Gründer von Anfang an Gedanken machen, um daraus für sein Unternehmen eine Strategie zu definieren. Zum Thema Expertise konnte uns Malte mit spannenden Anekdoten von Fintechs aus dem Bereich Nachhaltigkeit begeistern. Er berichtete hier z.B. von Baumpflanz-APIs und der Generierung eines persönlichen CO2-Footprints durch die Kontodatenanalyse.

Auch aus ganz aktuellen Themen konnte uns Malte seine Rückschlüsse und Erfahrungen als Gründer mitteilen. So brachte die Coronakrise oder der erst kürzlich bekannt gewordene Insolvenzskandal eines Big-Players der Fintechszene extreme Unruhen am Markt mit sich. Neben dem Wegbrechen von Lendings und einem steigenden Pessimismus gegenüber Wirtschaftsprüfern, Foundern oder allgemein Geschäftspartnern in der Branche, fehlten auch oftmals die passenden Geschäftspartner für Plattformlösungen. Auch politische Themen wie der Brexit führen in Europa zu Unruhen am Fintech- und Startupmarkt. Hierdurch drängen beispielsweise viele in UK ansässige Fintechs kurzfristig in EU-Staaten mit sehr unternehmensfreundlichen Steuergesetzen um kurzfristig Vollbank- oder Zahlungsverkehrsdienstleisterlizenzen zu erhalten. 

Abschließend gab uns Malte seine TOP 3 Learnings aus seinen Erfahrungen mit auf unseren Weg:

  1. Das Timing der Gründung ist extrem wichtig und kann negative wie positive Auswirkungen auf den Erfolg des Startups haben.
  2. Externe Einflüsse jeglicher Art müssen als Gründer beachtet und akzeptiert werden. Daraus lässt sich ableiten, dass man nichts überstürzen sollte und definitiv genügend Know-How im Vorfeld sammeln sollte.
  3. Der Markt der Fintechs und Startups ist sehr heterogen, auch hiermit sollte sich ein Gründer im Vorfeld befassen und selbst eine Einschätzung treffen, welche Art von Geschäftsmodell er oder sie anstrebt.

Am Ende der 4. Digital…Keynote konnte ich mit dem Blick auf die Uhr kaum glauben, was für eine Fülle an spannenden Erfahrungen, hochinteressanten Denkanstößen und Know-How eines Gründers in nur einer Stunde an uns vermittelt wurden. Damit bleibt an dieser Stelle noch festzuhalten wie vielseitig dieses, wenn auch sehr junge, Format ist und es bietet gerade in Zeiten von Social-Distancing eine super alternative Abendgestaltung, ganz egal ob nach dem Joggen auf dem Sofa oder am Schreibtisch. Deshalb herzlichen Dank an Malte Rau und die Organisatoren des Formats!

Manuel Beck

Manuel Beck

Consultant
X-WERT BankTechnology GmbH, Frankfurt am Main
DHBW Mosbach 2015