25.05.2019 | Veranstaltungen | Zurück zur Übersicht


Selbstverwirklichung 2050 - Vortragstext von Dr. Rudolf K. Sprüngli


 

“Selbstverwirklichung 2050”

 

Vortrag von Dr. Rudolf K. Sprüngli an der Jahrestagung der Bank...Verbindung e.V. am 25. Mai 2019 in Stuttgart

Sehr geehrte Damen & Herren,

Zunächst einmal danke ich Ihnen herzlich für die grosse Ehre, heute vor Ihnen sprechen zu dürfen.

Ich schätze Ihre Einladung sehr, zumal sie mir erlaubt hat, mich einmal mehr mit möglichen Entwicklungen in der Zukunft auseinanderzusetzen und heute einige meiner Überlegungen mit Ihnen zu teilen.

Ich habe mir dabei folgende Fragen gestellt:

Welche zukünftigen Entwicklungen in den nächsten 30 Jahren könnten unsere Bedingungen zur Entwicklung unseres latenten Potentials verändern und wie?

Wie werden sich unsere Möglichkeiten, uns selbst zu verwirklichen, unsere Lebensbedingungen zu verbessern, unser Glück zu machen und Positives zum Laufe der Welt beizutragen bis 2050 entwickeln?

Wie werden wir uns unter diesen Bedingungen entfalten können, physisch, psychisch, beruflich, emotionell?

Wie werden wir Sinn finden und weiterhin einen positiven Beitrag an den Fortschritt unserer selbst, unserer Familien, Unternehmen, Staaten und der Welt leisten können?

Wenn wir 30 Jahre zurückschauen, sehen wir trotz all der schrecklichen Katastrophen, und der Horrorszenarien auch sehr viel positiven Fortschritt und können feststellen, dass unsere Ausgangslage für die nächsten 30 Jahre keineswegs nur negativ ist.

Wie der Historiker Yuval Harari zu Beginn seines Buches “Homo Deus” anschaulich aufzeigt, sind in den letzten Jahrzehnten 4 wesentliche Herausforderungen der Menschheit annähernd gelöst worden, oder deren Lösung liegt zumindest in Reichweite:

Hunger ist heute vor allem ein logistisches Problem. Die Technologien zu Versorgung einer in den nächsten Jahrzehnten aufgrund zunehmenden Wohlstandes langsamer wachsenden, ja vielleicht sogar sinkenden Weltbevölkerung sind vorhanden oder am Entstehen.

Die entwickelten Länder haben heute eher das Problem einer Überernährung und der damit einhergehenden Fettleibigkeitsepidemie, welche die Lebenserwartungen bis um 10 und mehr Jahre verkürzen können.

Das Wissen über gesunde Ernährung verbreitet sich jedoch aufgrund unserer medialen Vernetzung rapide und zeigt bereits erste Wirkungen in der Lifestylegestaltung und im Konsumverhalten.

Das Gesundheitswesen hat in den letzten Jahrzehnten dank Hygiene und medizinischen Fortschritten gewaltige Fortschritte gemacht. Viele Seuchen und Epidemien können bekämpft werden und trotz dem gegenwärtigen Alarmismus werden wir in den nächsten Jahrzehnten wohl auch resistente Keime in den Griff bekommen, wie dies mit Aids und anderen Epidemien geschehen ist.

Krebs ist bald eine heilbare Krankheit und auch die kardiovaskulären Krankheiten können heute therapiert oder mit sinnvollerer Ernährung und mehr Bewegung und geeigneten Medikamenten präventiv behandelt werden. Gentherapien und die darauf basierende personalisierte Medizin machen rasante Fortschritte.

Als Ergebnis leben wir alle länger, was unsere Sozialwerke und deren Finanzierung und unsere Institutionen zu Alterspflege und -Betreuung zunehmend herausfordert, uns aber auch ermöglicht, die dadurch gewonnene Lebenszeit sinnvoll zu nutzen.

Nicht zuletzt aufgrund der atomaren Bedrohung ist die Anzahl der Kriegstoten seit dem 2. Weltkrieg gewaltig zurückgegangen. Ein neuer Weltenbrand würde potentiell die Vernichtung der Menschheit bedeuten, und das ist ein starker Incentive, sich irgendwie politisch zusam-menzuraufen.

Auch die weltweite Armut hat massiv ab- und die globale Wertschöpfung entsprechend zugenommen. Trotz der teilweise krass ungerechten Verteilung, geht es heute dank der Marktwirtschaft viel mehr Leuten besser als je zuvor in der Geschichte der Menschheit.

Vor allem in den Schwellenländern entsteht eine Mittelschicht, die nicht nur weiteren Wohlstandszuwachs anstrebt, sondern auch bereit ist, die entsprechenden Leistungen zu erbringen.

Die Alphabetisierung auf unserem Planeten ist weit fortgeschritten und der kostengünstige Zugang zu Information und Bildung wird bald zu einer Selbstverständlichkeit.

Der Trend zur weltweite Urbanisierung wird in den nächsten 30 Jahren noch verstärken.

Etwa so viele Menschen wie heute auf unserem Planeten sind, werden 2050 in Städten leben, und die damit zusammenhängenden Chancen und Probleme werden sich noch akzentuieren.

Schnellere, bequemere und umweltfreundlichere Transportmittel werden den Sog in diese Megacities noch beschleunigen, und 60-90% der Weltbevölkerung werden z.T. z.B. in China in Städten leben, deren Namen wir heute noch gar nicht richtig wahrnehmen.

Mit Urbanisierung assoziiert man oft Verkehrschaos, Umweltbelastung, Verarmung, Kriminalität, Verslumung, aber das ist nur eine Seite der Urbanität und wir sollten uns wieder einmal vergegenwärtigen, was eine Stadt für Menschen so attraktiv macht:

Städte sind zunächst und vor allem Biotope und Nährböden der Selbstverwirklichung.

Da ist zunächst der aus der räumlichen Nähe resultierende Effizienzgewinn. Ich bin rasch in im Laden, im Buero, einer Bibliothek, im Theater, im Kunsthaus, in der Bankvereinigung, im Rotary Club in der Kirche, im Museum, im Rathaus, in der Handelskammer, am Bahnhof und am Flugplatz.

Dann ist da auch die höhere Intensität des Informations- und Güteraustausches.

Städte sind Nährböden von Wissen, Ideen und Lebensstylen, Kunst, Kreativität, Kultur und Innovation welche durch intensivere Kommunikation und Koordination einfacher entstehen können.

Offenbar entspricht der Zusammenschluss zu übergeordneten Megastrukturen einem tiefmenschlichen Bedürfnis, eine kumulative Dynamik, die auch in der Natur weit verbreitet ist. Nicht nur wir sind soziale Wesen. Auch Bienen, Ameisen, Termiten, Vogel- oder Fischschwärme, bringen aus ihrer kollektiven Dynamik übergeordnete Strukturen hervor.

Eine Kumulation exponentieller Entwicklungen wird nun in den nächsten Jahrzehnten zu einer beschleunigten Steigerung der Effizienz und Lebensqualität dieser urbanen Räume beitragen.

Dazu gehören nochmals effizientere Kommunikation, Clean Energy Technologien, Elektromobilität, selbstfahrende Auto’s, ein weiterer Ausbau des öffentlichen Verkehrs mit trans-portation on demand, alternative Energien, durch neue Materialien, energieoptimierte smart buildings, und urban greening und- farming.

Schon heute fahre ich immer weniger Auto, weil ich ich es praktisch und sinnvoll finde, Zeit sparen, arbeiten, lesen und, die schöne Landschaft geniessen kann, mich nicht über Verkehrsstaus und andere Verkehrsteilnehmer aufregen muss und gestern mitten in Stuttgart, direkt neben meinem Hotel landen konnte.

Auch Reisen mit dem TGV in Frankreich oder dem Freccia Rossa in Italien finde ich toll, mit nahezu 300 km/h durch die Toscana zu brausen, anstatt mich in in ein enges Flugzeug zu quetschen und dann im Verkehr von Malpensa, Heathrow oder Charles de Gaulle stecken zu bleiben.

Bessere Energieeffizienz, Sensorik, künstliche Intelligenz, und das Internet der Dinge werden Städte noch viel mehr zu kreativen Katalysatoren machen als bisher, weil sie noch dyna-mischer und vielfaeltiger mit der ganzen Welt verbunden sind, permanent mit neuen Informationen versorgt werden und selbst kumulativ neue Informationen generieren.

Der Horizont von Staedten hat sich dann weit über die eigentlichen Stadtgrenzen hinaus ins Globale erweitert und physische Grenzen laengst überwunden.

Automation, künstliche Intelligenz und neue Medien werden das ihre dazu beitragen, diese Entwicklungen noch zu beschleunigen.

Wie Ray Kurzweil vom MIT bereits vor über 10 Jahren voraussagte, könnte die kombinierte exponentielle Dynamik all dieser Prozesse bald zur Singularity, zu einer umfassenden Um-wälzung unserer globalen Kultur führen.

Da wir intuitiv dazu tendieren, bestehende Prozesse linear in die Zukunft zu projizieren, fällt es uns schwer, exponentielle Prozesse in ihrer kumulativen, umwälzenden Dynamik zu begreifen.

Und in der Tat hat wohl niemand von uns die Entwicklungen der letzten Jahrzehnte so vorausgesehen, wie sie dann eingetreten sind

Das Internet gibt es erst seit ca. 30 Jahren, das iPhone wurde erst am 29. Juni 2007 lanciert und der App-Store im Folgejahr 2008. Erst seit 11 Jahren können wir mit App’s lernen, gestalten und leben. Mittlerweile können bereits rund 2.5 Mia. App’s heruntergeladen werden und im Jahre 2013 geschah dies bereits 50 Mia. mal.

Die durch deren Anwendung katalysierte Kreativität konnte sich noch gar nicht richtig entfalten, und wir stehen betreffend der Mobilisierung einer globalen Schwarmintelligenz und der entsprechenden Wissensexplosion erst am Anfang.

Diese enormen Beschleunigung technischer und wissenschaftlicher Durchbrüche wird in den nächsten Jahrzehnten auch unsere Möglichkeiten zur Selbstverwirklichung massiv erweitern.

Dies ist vor allem auch deshalb wichtig, weil es einen Gegentrend zur Bedrohung angestammter Jobprofile durch die Automatisierung darstellt.

Denn wie schon frühere industrielle Revolutionen, führen Digitalisierung und Automation nicht nur zur Jobvernichtung sondern in fast gleichem Masse zum rapiden Wachstum neuer Jobprofile und Berufe. Eine im Oktober 2018 veroeffentlichten McKinsey Studie über die Auswirkungen der Digitalisierung in der Schweiz bestätigt dies und weist auf das Potential zusätzlicher Produktivitätsgewinne hin, die letztlich allen zugute kommen.

Als Präsident einer 130jährigen Privatschule ermuntere ich unseren Maturanden oft, sich möglichst früh darauf einzustellen, in ihrem Leben nicht einen sondern mehrere Berufe auszuüben und sich entsprechend breite, interdisziplinäre Fähigkeiten anzueignen.

Denn die kommende Welt der Superinnovation und der Wissensexplosion ist ein Eldorado für lernwillige und lernfähige Menschen wie Sie hier, die sich nicht scheuen, ihre Komfortzone zu verlassen. Die die Kränkung aushalten können, nicht immer gleich Experten auf ihrem Gebiet, sondern immer wieder Anfänger, Lernende zu sein.

Es ist klar, dass sich dabei auch unsere Technologien des Lernens und der Wissensaneignung weiterentwickeln müssen und diese befinden sich denn auch ebenfalls in rasantem Fortschritt.

Ich liebe das Lernen von Sprachen und bin fasziniert vom rapide zunehmenden Angebot von preiswerten App’s, Portalen und Online-Kursen immer steigender Qualität, die dies ermöglichen.

Das Gratislernportal „Kahn Academy“ ist ein interessantes Beispiel. Wenn Sie es noch nicht kennen, empfehle ich Ihnen, es einmal zu testen. Kostenlos können Sie sich in einem immer breiter werdenden Spektrum von Fächern und auf didaktisch faszinierende, teilweise multimedial unterstützte Weise weiterbilden, von Chemie, Biologie, Physik, Mathematik, Programmierung, bis zu Literatur und Philosophie.

Wissen, Lernen und Weiterbildung ist also nicht mehr das Privileg von Wohlhabenden und entfaltet nun seine globale Wirkung.

Als passionierter Jazzmusiker habe ich mir vor ein paar Jahren ein Jazz Guitar Professional Certificate des Berklee College of Music in Boston erworben, teilweise in Sommerkursen, aber vor allem auch Online.

Die Erfahrung war faszinierend. Man ist in einer virtuellen Klasse von Mitschülern die irgendwo auf unserem Planeten wohnen, von Miami über Hongkong und Marseille und Berlin bis nach Irkutsk, kriegt wöchentliche Lektionen, lernt und übt zuhause oder sonstwo, hat wöchentliche Group Chat Sessions mit seinen Lehrern und liefert am Wochenende jeweils Aufgaben ab, die dann korrigiert und bewertet werden.

Man ist also bezüglich seines Standortes flexibel und profitiert trotzdem vom enormen didaktischen know how einer Spitzenfakultät (z.B. des weltberühmten Vibraphonisten Gary Burton) und der kreativen Gruppendynamik teilweise höchst talentierter Mitschüler.

Abgesehen von der interessanten Lernerfahrung erlebt man Globalisierung pur, die Aufhebung von Raum und Zeit durch das Medium Internet.

Und wenn Sie Online irgendein Fach an einer der Spitzenuniversitäten auf diesem Planeten studieren wollen, gehen Sie auf www.coursera.com und sie werden erstaunt sein, über die Vielfalt und die Qualität des Gebotenen.

Und dies ist wie bereits erwähnt, erst der Anfang!

All diese didaktischen und gestalterischen Möglichkeiten werden in Zukunft erweitert durch noch leistungsfähigere Medien der Visualisierung, wie Animation, 3D-Vision, -Printing und Holographie.


Die Zukunft der Arbeit

Wenn wir uns nun der Zukunft der Arbeit als einem Hauptgebiet der Selbstverwirklichung zuwenden, so werden neben dem Erkennen vielerlei Chancen oft auch grosse Bedenken laut.

Automatisierung & Robotik werden heute oft mehr als Fluch als als Segen gesehen und man befürchtet eine Präkarisierung des Mittelstandes und bildungsfernerer Anspruchsgruppen, weil Jobs mit geringer Wertschöpfung und/oder geringem know-how-Bedarf wegrationalisiert werden

Ich brauche Ihnen als Banker nicht zu erklären, dass diese Bedrohung mittlerweile im Dienstleistungsgewerbe angekommen ist, nicht nur in Ihrer Industrie, z.B. in der Admi-nistration, bei der Kreditanalyse, bei der Vermögensverwaltung und Anlageberatung, sondern auch bei Anwälten und Ärzten, wo zunehmend auf künstlicher Intelligenz basierende Expertensysteme als Analyse- oder diagnostische Tools eingesetzt werden.

Der schon lange begonnene Trend der Substitution von Arbeit durch Kapital setzt sich weiter fort, nur noch viel intensiver, und es ist kein Wunder, dass dies als bedrohlich empfunden wird.

Wenn ich andererseits auf die Entwicklung der Lindt & Sprüngli Gruppe in den letzten 30 Jahren zurückschaue, so muss ich nüchtern feststellen, dass wir ohne die in dieser Zeit mindestens 4 Automatisierungsschübe, die ich erlebt habe, wohl kaum noch in Zürich oder anderen teuren Standorten produzieren könnten.

Als ich zu Beginn meiner Tätigkeit vor rund 40 Jahren selbst am Fliessband arbeitete, fand ich die Erfahrung interessant, aber ernüchternd. Ähnlich ging es meinem Sohn, der schon nach 2 Wochen seine Vorbereitungen zum Abitur mit ganz anderer Motivation anging.

Was mit Handabpacken am Fliessband begann, ging mit ersten zögerlichen Automatisierungsschritten, weiter zur «Tatzelwurm» genannten Abpackanlage in den 1970er und 80er Jahren, bis zu den heutigen Industrierobotern mit automatischer Erkennung von Form und Position einer Praline und deren exaktem Einlegen in die in der Verpackung dafür geschaffenen Öffnung.

Das hatte nicht nur Kostensenkungen und Effizienzsteigerungen, sondern auch das Entstehen neuer und erfüllenderer Arbeitsprofile zur Folge.

Wir werden lernen müssen, Automatisierung zu entwickeln, sie anzuwenden und mit ihr zu leben.

Dasselbe gilt für künstliche Intelligenz und pervasive Computing

Eine Zukunft ohne permanente Aus- und Weiterbildung wird es dabei allerdings nicht geben, und diese wird ihrerseits eine konsequente Weiterentwicklung unseres Bildungssystems erfordern.

Die Halbwärtszeit unseres Wissens und die Relevanz einer einmal absolvierten Ausbildung nimmt ständig ab, was lebenslanges Lernen notwendig macht.

Das Bildungssystem wird sich entsprechend offen und interdisziplinär ausrichten und in verschiedenen Gebieten einsetzbare und adaptierbare Fähigkeiten vermitteln müssen:

Es wird immer wieder darum gehen, das Lernen zu Lernen, mit stets neuen Informationen umzugehen, sie zu aufzunehmen, zu strukturieren und sie anwenden zu können, Wesentliches aus einer Fülle von Informationen herauszudestillieren, Neugier für andere Gebiete zu entwickeln, etwas Neues zu wagen, neue Gebiete zu betreten.

Diese Fähigkeiten kann man bewusst fördern und entwickeln, und das wird schon heute vielerorts sehr erfolgreich getan. Die Mittel dazu vervielfachen sich laufend und werden immer billiger.

Der hier an der DHBW und auch bei uns in der Schweiz schon etablierte und immer weiterentwickelte, duale Bildungsweg könnte dabei auch in Zukunft ein guter Ansatz sein.

Bei uns wird einem Handwerker dadurch nach Berufslehre und Praxis via Fachhochschule der Weg an eine Universität oder eine technische Hochschule ermöglicht.

Vergessen wir jedoch nicht, dass auch in der Wissenschaft der informationelle Wandel schon heute extrem ist.

So sagte mir die ehemalige Rektorin unserer Eidgenössischen Technischen Hochschule, die in der biologischen Forschung gewesen war, die wenigen Jahre als Rektorin hätten gereicht, um in ihrem Spezialgebiet in wesentlichen Neuentwicklungen praktisch den Anschluss zu verlieren.

Unsere Bildungsinstitutionen und unsere Lerntechnologien werden sich entsprechend ausrichten muessen.

Kürzlich konnte ich mit Prof. Dr. Jurai Hromkovic eine ausgewiesene Kapazität fuer die Didaktik der Informatik in den Vorstand unseres Freien Gymnasiums berufen.

Er plädiert eindringlich dafuer, Informatikunterricht unabhängig von spezifischen Software-Programmen zu gestalten, da diese jeweils rasch überholt sind.

Denn viele verstehen unter Informatikunterricht heute die Fähigkeit zur Benutzung von Microsoft Office, und das hat wenig mit dem strukturierten Denken und den analytischen und konzeptionellen Fähigkeiten eines Programmierers zu tun, die anhand geeigneter Programmumgebungen sehr anschaulich vermittelt werden können.

Die im Media Lab des Massachussetts Institute of Technology für Kinder entwickelte Programmiersprache “Scratch” ist ein gutes Beispiel dafür, ebenso die teilweise darauf aufbauende Programmiersprache “Python”. Beide Sprachen haben mittlerweile eine gigantische open source community, welche sie quasi mittels Schwarmintelligenz weiterentwickeln.

Open Source und Creative Commons sind denn auch weitere Phänomene, welche ihre volle Wirkung in den nächsten Jahrzehnten erst entfalten werden, obwohl der Ansatz, seine Effektivität schon eindrücklich unter Beweis gestellt hat, z.B. bei LINUX oder Wikipedia.

Wikipedia wurde von den Herausgebern der Encyclopedia Brittannica zunaechst nicht ernst genommen und als amateurhaft und wenig seriös abgetan. Mittlerweile hat das durch freiwillige Mitarbeit laufend wachsende Portal auch in akademischen Kreisen eine hohe Glaubwürdigkeit erlangt.

Diese kreative Selbstorganisation verschiedenster Interessengruppen hat erst begonnen, ihre Wirkung zu entfalten und verschiedenste Designprogramme und noch relativ neue Technologien wie 3D-Printing verlagern die Kontrolle über Kreations- und Produktions-prozesse wieder zurück zum Individuum.

Die drei Brüder Neil, Alan und Joel Gershenfeld schildern in ihrem Buch «Designing Reality: How to survive and thrive in the third Digital Revolution» das in den letzten Jahren entstan-dene und über die ganze Welt verstreute Biotop sogenannter Fab Labs, in denen Erfinder und Tüftler geeignete Werkzeuge, Instrumente und Apparate finden, aber auch ein Netzwerk von interessierten Kollegen sowie Anleitung und Instruktion, die sie unterstützen, ihre Projekte in Eigenregie weiterzuverfolgen.

Diese Fab Labs kommunizieren international und inspirieren sich gegenseitig, wie dies auch wissenschaftliche Institutionen und Forschungsinstitute untereinander tun, dazu kommt aber der Enthusiasmus und die Kreativität passionierter Programmierer, Hobbytechniker, Erfindertypen und Freaks.

Die in diesem fruchtbaren Umfeld gedeihenden Innovationen sind oft sehr beeindruckend und werden in den nächsten Jahrzehnten noch für manche Ueberraschung sorgen.

Die ganze Bewegung ist ein selbstorganisierendes, emergentes Phänomen, das durch die spontane Eigendynamik interessierter Beteiligter entstanden ist.

Sicher haben sich Leute schon immer in Interessengruppen organisiert und kooperiert, nur sind das schiere Ausmass und die Koordinationsmöglichkeiten dieser Kooperation kaum vergleichbar.

Diese Leute denken übrigens nicht gross über Selbstverwirklichung nach, sie leben sie, mit unglaublichem Einsatz, spontaner Energie, Passion und Freude.

Ein ähnliches Phaenomen zeigt sich in der rasch wachsenden Biohacker-Szene. Die gegenseitig Inspiration von Computerwissenschaftlern, Biologen und Genetikern führte zur Entwicklung des relative neuen Gebietes der synthetischen Biologie, dessen potentielle Auswirkungen der Harvard Genetiker George Church in seinem Buch «Regenesis» beschreibt.

Nach der ersten Standardisierung eines wachsenden Bestandes an genetischen Bauteilen (quasi genetischer LEGO-Steine), ist jetzt eine wachsende Biohacker-Community dabei, neue genetische Strukturen zu synthetisieren und damit neue Biologische Substanzen und Organismen hervorzubringen.

“Wenn das nur gut geht” werden sich manche von Ihnen teilweise zurecht sagen, aber wie jeder wissenschaftlicher Durchbruch können die dabei gewonnenen Erkenntnisse, Methoden und Technologien zum Guten wie auch zum Schlechten verwendet werden.

Ein detaillierter Blick auf die Webseite von DARPA, dem wissenschaftlichen Arm der amerikanischen Armee ist in diesem Zusammenhang echt besorgniserregend. Der Krieg ist offenbar noch immer der Vater vieler Dinge und doch bergen diese in globaler Kooperation entwickelten Technologien auch die Lösung vieler Zukunftsprobleme.

Denn der Mensch hat sich schon immer in einer Koevolution mit seinen Artefakten befunden. Er hat technische Instrumentarien geschaffen, die ihn ihrerseits in seiner eigenen körperlichen und geistigen Entwicklung immer wieder beeinflusst und geformt haben.

Das durch Sensoren und neue, intelligente Materialien rasch wachsende Internet der Dinge ermöglicht eine noch intensivere Kommunikation und Ko-Evolution des Menschen mit seinen Artefakten. Die materielle Welt beginnt zu erwachen und mit uns zu kommunizieren und sich gemeinsam mit uns weiterzuentwickeln.

Trotz den Befürchtungen, dass sich die Automatisierung in Form von künstlicher Intelligenz eines Tages verselbständigen und uns dominieren könnte, bin ich zuversichtlich, dass diese Koevolution weiterhin gelingt und für die Bewältigung der uns allen bekannten Zukunftsprobleme auch gewaltige Chancen bietet.


Sharing Economy

Selbstverwirklichung hat im Kapitalismus (und nicht nur dort) noch immer viel mit der Akkumulation materieller Güter zu tun. Konsum steht bei vielen noch immer als Statussymbol und Manifestation des eignen Erfolges im Zentrum ihres Wertesystems: Ein besseres Auto, eine schönere Küche mit besserer Waschmaschine, Herd und Kühlschrank, teure Ferien- und Fernreisen, eine neue Wohnung, ein Haus, sind noch immer wichtiger Ausdruck unserer Selbstverwirklichung und eine leicht messbare Manifestation erreichter Ziele.

Und nun hat sich, befördert durch das Internet, plötzlich eine sharing economy zu entwickeln begonnen, die den Zugang und die zeitgerechte Benutzung von Dingen über deren Besitz stellt.

Ich brauche nicht mehr unbedingt ein Auto zu besitzen um von A nach B zu kommen, ich kann auch einen car sharing service wie UBER oder LYFT benutzen, ich kann ein Ferienhaus auch via AirBnB ausleihen, anstatt eines zu besitzen das den groessten Teil des Jahres leer steht, was billiger ist, weniger Kapital bindet und dazu noch lokale Kontakte und authentischere Erleb-nisse und Erfahrungen mit der lokalen Bevoelkerung ermöglicht.

Musikinstrumente, Bücher, Handwerkszeug, Informationen oder Kulturgüter wie Bilder, Skulpturen oder Möbel und eine immer schneller wachsende Menge weiterer Gegenstände werden gegen Gebühr benutzt, statt besessen. Der Besitzer seinerseits bewirtschaftet sein Asset nachhaltiger und generiert in den Zeiten, in denen er sie selbst nicht benutzt, zusätzliches Einkommen.

Auch für meine eigenen Kinder kommt Erlebnisqualität und Nachhaltigkeit oft vor Besitz.

Sie leben beide aus eigener Entscheidung relativ einfach und haben kein Auto, obwohl ich ihnen nach bestandenem Abitur durchaus eines geschenkt hätte.

Es ist für sie nicht wichtig oder unpraktisch an den Orten an denen sie heute leben und arbeiten, in Sydney und in Yucatan, Mexico.

Mein Sohn absolviert nach seinem Filmstudium und jahrelanger intensiver Tätigkeit als Compositor in der Filmbranche nun ein Zweitstudium als CISCO-network engineer und Spezialist fuer Cyber Security und meine Tochter betreibt ein Hostel für junge Backpacker auf einer mexikanischen Insel und arbeitet gleichzeitig in einem Immobilienunternehmen, dass neben dem Kauf und Verkauf von Liegenschaften u.a. auch Ferienwohnungen an Touristen vermietet.

Ihre Kunden, sehr oft Generation Y und Z und Millenials, streben primär work life balance, Erlebnisqualität, bereichernden sozialen Kontext, positive Begegnungen an, und das ist auch mit wenig Geld, aber umso intensiverer Kommunikation mit allen zur Verfügung stehenden Medien möglich.

Es hat viel mehr mit geteilter Lebenszeit, mit Erlebnisqualität zu tun als mit dem Besitz von etwas, zu dessen immer kostengünstigerer Benutzung man ja sowieso immer mehr Zugang hat.

Was für eine oekonomische Dynamik auf dem Konzept der shared economy aufbauende Geschäftsmodelle entfalten können konnten wir anlässlich des kürzlichen Börsenganges von UBER gut beobachten. Die resultierende Bewertung war teilweise höher als die kombinierte von drei grossen Autofirmen.

Auch hier kommt, gerade wegen dem Wunsch zu alternativer Selbstverwirklichung jüngerer Generationen, einiges auf etablierte Firmen zu.

 

Sinnstiftung 2050

Wenn wir danach fragen aus welchen Formen von Selbstverwirklichung wir im Jahre 2050
als Sinnstiftend empfinden werden, so glaube ich, dass vieles, was unserem Leben schon immer Sinn gegeben hat, unserem Leben wohl auch im Jahre 2050 Sinn geben wird.

Erfüllung im Beruf, eine gewisse Autonomie und Freiheit der Entscheidungen, unser Leben so gestalten zu können, wie wir es möchten, unsere Anlagen und Fähigkeiten entwickeln zu können, Werte, neue Produkte und Artefakte zu kreieren, etwas aktiv gestalten zu können, etwas Neues entwickeln zu können, unsere Kinder aufblühen zu sehen, unseren Garten (auch im übertragenen Sinne) und unsere Hobbies hegen und pflegen zu können, der Welt etwas weiterzugeben und zum Gemeinwohl beizutragen.

Werden wir uns aber noch anstrengen und etwas leisten wollen, wenn unsere Grund-bedürfnisse gedeckt sind und wir über ein garntiertes Grundeinkommen verfügen? Ich bin fast sicher, dass die Neugier und Explorationslust der Menschen auch dann noch besteht.

Als Beirat einer für KMU’s tätigen M&A Gesellschaft habe ich schon mitbekommen, dass nach einem Firmenverkauf, die Frage nach der weiteren sinnvollen Lebensgestaltung für die ehemals ihr ganzes Leben hart arbeitenden Eigentümer, oft alles andere als trivial ist.

Man wollte sich doch schon immer mehr dem Ehepartner widmen, mehr Golf spielen, mehr lesen, seine Hobbies pflegen, mehr reisen und mehr mit dem Hund spazieren gehen.

Und dann kann schon nach ein paar Monaten eine grosse Leere eintreten, wenn man nicht nach und nach ein neues Spektrum an sinnvollen Tätigkeiten aufbaut.

Das Vacuum füllt sich nach einer Periode der Neuorientierung jedoch jeweils schnell, wenn man seine neu gewonnenen Freiheitsgrade zu nutzen lernt.

Dabei kommt uns die Entwicklung neuer Informationen, Technologien, Produkte und Ausbildungsmöglichkeiten sehr entgegen.

Wir werden in Zukunft noch viel mehr Optionen haben als früher und voraussichtlich davon noch mehr überfordert sein.

Die Welt wird täglich interessanter, reicher, faszinierender und vielfältiger und es gibt so viel zu entdecken und zu gestalten und genug Probleme, zu deren Lösung ein sinnvoller Beitrag geleistet werden kann, sei es durch Philantropie oder aktive Mitarbeit.

Durch unsere Verbindung mit allem, können wir uns auch stets messen und beurteilen und haben so mehr Möglichkeiten zur permanenten Verbesserung und sogar zur Prognose und Prävention via intelligente Algorithmen.

So ermöglichen Sensorensysteme in Maschinen und Anlagen schon heute zu eruieren, wann bei gleicher oder steigender Belastung voraussichtlich Unterhaltsarbeiten notwendig sein werden, oder sich die Wahrscheinlichkeit eines Maschinenschadens oder eines Unfalles erhöht.

Klar wird es weiterhin Unfälle, Katastrophen oder menschliches Versagen geben, aber alleine das Beispiel des mittlerweile sehr sicheren Flug- und Bahnverkehrs bei rapide zunehmendem Verkehrsaufkommen zeigt, wie effizient die technischen Überwachungssysteme schon heute geworden sind.

Ähnliche Präventionsmöglichkeiten zeichnen sich im Bereiche des Gesundheitswesens und der Medizin ab mit Sensoren innerhalb und ausserhalb unserer Körper, die der Überwachung vitaler Lebensfunktionen durch medizinische Spezialisten dienen können.

Und auch in makroskopischen Systemen, wie z.B. in den Bereichen der Naturkatastrophenwarnung oder der Seuchenprävention entwickeln sich ähnliche Ueberwachungs-system rapide weiter.

Wir werden immer perfektere virtuelle Modelle von uns, unserer Welt und ihrer Systeme und Zusammenhänge haben und an ihnen mögliche Auswirkungen von Handlungsalternativen simulieren können.

Die damit zusammenhängende aktuelle Tendenz zur Selbstoptimierung des Menschen auf vielen Ebenen wird heute oft kritisiert und belächelt. Sie wird jedoch langfristige Aus-wirkungen haben, die keineswegs zu unterschätzen sind.

Sie ermöglicht u.a. eine vermehrte Übernahme von Selbstverantwortung in vielen Bereichen, und das finde ich in unserer Zeit der Staatsabhängigkeit und Vollkasko-Mentalität durchaus positiv.

„What get’s measured, get’s done“! und vergessen wir nicht, dass die vielen benchmarking tools, die das heute ermöglichen, noch sehr jung sind.

Die permanenten Feedbacks führen letztlich zu konsequenten Verbesserungen, und das ist grundsätzlich zu begrüssen, trotz gelegentlicher Übertreibungen und Exzesse.

Kritisch kann es dort werden, wo in einer speziellen Situation gewonnene menschliche Daten eine Transparenz erzeugen, die dann für kommerzielle und manipulative Zwecke ausgenutzt wird.

Ein Beispiel sind die in den USA trendigen Schwangerschafts-App’s, die ein vollständiges Monitoring des gesamten Schwangerschaftsprozesses erlauben, aber auch zu einer Fülle von Daten über Organismus, Genetik und Gesundheitszustand einer werdenden Mutter fuehren, die dann durchaus auch Versicherungsgesellschaften interessieren könnten.

Die Situation für eine junge werdende Mutter ist aber gerade bei einer ersten Schwangerschaft so grundlegend und existenziell neu und auch manchmal verunsichernd, dass sie zur Erlangung von mehr Sicherheit gerne ihre persönlichsten Daten preisgeben.

Datenhoheit, Dateklau, der Schutz unserer Privatsphaere und Sicherheit im Cyberspace werden uns noch viel nachhaltiger beschäftigen als heute, aber das muss ich Ihnen als compliance geplagte Banker ja kaum weiter erläutern.


Abnehmende Grenzkosten

Auf eine weitere, unsere Zukunft praegende Dynamik wird durch den renommierte amerikanisch Autor Jeremy Rifkin hingewiesen. Er lenkt in seinem letzten Buch „The Zero Marginal Cost Society“ den Blick auf die durch unseren technischen Fortschritt stetig sinkende Grenzkosten bei der Produktion von Gütern und Dienstleistungen.

In der Tat ist es erstaunlich, wieviele Produkte, Dienstleistungen und kulturelle Angebote sich dank technischem Fortschritt und Kommunikationstechnologien verbilligt haben und laufend weiter verbilligen.

Und ich empfinde es noch immer als Wunder, dass ich schon heute jedes über hundertjährige Werk der Weltliteratur gratis vom Web herunterladen kann.

Die Entwicklungen der Musik- und Filmindustrie zeigen exemplarisch, was für struktur-verändernde Wirkungen diese Digitalisierung haben kann.

Die stetig gegen Null tendierenden Grenzkosten gehen einher mit Ablösung vertikaler, hierarchischer durch horizontale auf Gruppenkooperation aufbauende Wert-schöpfungsketten, die durch die Rückverlagerung von Produktionsmitteln an Individuen ermöglich wird.

Technologien wie Designsoftware und 3D-Printing machen Konsumenten (consumers) zu produzierenden Konsumenten (prosumers). Design und Produktion werden örtlich immer unabhängiger.

Diese Entwicklung wird weitergehen und weitere Industrien fundamental verändern.


Altern bis 2050

Wie bereits erwähnt, werden wir in den nächsten Jahrzehnten alle älter als jemals zuvor in der Weltgeschichte. 2050 werden von 9.5 Mia. auf der Welt rund 2 Mia. fast 20% über 60 Jahre alt sein und eine Lebenserwartung von über 76 Jahren haben. Alleine in den USA werden voraussichtlich mehr als 600`000 über 100jährige leben.

Souverän und würdig alt zu werden gehört zu einer gelungenen Selbstverwirklichung und die aktuelle demographische Entwicklung lässt uns die Frage stellen, wie sich der Prozess des älter Werdens in den nächsten Jahrzehnten verändern wird.

Die Finanzierbarkeit und Nachhaltigkeit unserer Sozialwerke der Alters- und Krankenvorsorge der Invalidenversicherungen sind bereits gewaltige Herausforderungen.

Vor einer Woche haben wir in der Schweiz über die Revision der Unternehmensbesteuerung abgestimmt, die interessanterweise an eine Vorlage zu einer Zusatzfinanzierung der Alters- und Hinterlassenenvorsorge gekoppelt war und nun dazu führt, dass in Zukunft 2 Mia. Franken mehr für diese Sozialwerke zur Verfügung stehen. Aber um eine umfassende Restrukturierung unserer Sozialwerke, werden wir trotzdem nicht herumkommen.

Bereits haben findige Unternehmer, u.a. in Japan, wo die demographischen Verhältnisse noch viel dramatischer sind, begonnen, die Zielgruppe älterer Menschen als attraktiven Markt zu begreifen und, teilweise unter Anwendung von Robotik und künstlicher Intelligenz, entspre-chende Produkte und Dienstleistungsangebote zu entwickeln

Ohne Zweifel liegt auch schon heute bei älteren pensionierten Menschen enormes Potenzial an Wissen und Erfahrungen aus einem intensiv gelebten Leben brach.

Zudem sind vielfältige Instrumentarien entstanden, die ein gesundes Leben und ein erfülltes Alter ermöglichen. Die Bibliothek der Welt im Internet, gewaltige Möglichkeiten zur Weiterbildung, sich exponenziell vervielfachende Multimedia-Angebote, Reisen in virtuelle Welten, Simulationsmodelle, künstliche Realitäten, höhere bequemere Mobilität, grösserer Komfort beim Reisen, eine Fülle von Fitness- und Wellness-Angeboten, besseres Wissen über den menschlichen Körper und das menschliche Hirn, rasante Fortschritte in personalisierter Medizin, Ernährungswissenschaften, Prävention und Geriatrie.

Schon jetzt werden überall auf der Welt Altersinfrastrukturen geschaffen, die nicht nur Betreuung und Pflege, sondern auch sozialen Kontext, kreative Aktivitäten und weitere Beiträge an Wirtschaft, Gesellschaft und Kultur erlauben, wenn man dies möchte, im Sinne von „ adding life to years, not only years to life“.

Mittlerweile wurden auch webbasierte Angebote entwickelt, die es älteren Menschen ermöglichen, ihre Erfahrungen wieder beruflich einzubringen, wenn sie dies wollen.

Eine interessante Umsetzung ist z.B. das schweizerische Portal mit dem amüsanten Motto „Miete einen alten Sack“ welche erfahrene, pensionierte Fachleute in Teilzeitarbeit vermittelt.

Trotz den steigenden Sorgen um den „Grey Tsunami“ hatten es alte Menschen in vielen Regionen der Welt noch nie so gut wie heute und es ist zu hoffen, das dies so bleibt.


Mehr Freizeit zur Weiterentwicklung

Technischer Fortschritt, Automation und effizientere Wertschöpfung, und gesichertes Grundeinkommen werden wahrscheinlich auch der arbeitenden Bevölkerung, gewollt oder ungewollt, mehr Freizeit bescheren.

Dies ist eine in der Menschheit neue und keineswegs triviale Herausforderung, die in diesem Ausmasse wohl noch keine Generation in der Geschichte der Menschheit gehabt haben dürfte.

Diejenigen, die das bezweifeln, lade ich ein, sich einmal eine Arbeitsordnung aus einem Industriebetrieb um 1900 zu Gemüte zu führen. Die Länge der Arbeitszeiten und die Härte der Arbeitsbedingungen sind mehr als ernüchternd, und das man auch an Samstagen arbeitete, war eine Selbstverständlichkeit.

Wie ich gelesen habe, verbringt heute eine Mehrheit ihre rund 4 Stunden Freizeit pro Tag vor dem Fernseher.

Wenn wir in Zukunft nicht in Faulheit und Dekadenz verdummen wollen, sollten wir die gewonnene Zeit zur Weiterbildung und zur geistigen Weiterentwicklung nutzen.

Allerdings müsste der dazu notwendigen Motivation auch ein entsprechendes Wertsystem zugrundeliegen, eine eigentliche Kultur des Lernens.

Andererseits kann es auch sein, dass jeder von uns von der Dynamik der bevorstehenden Umwälzungen so vereinnahmt wird, dass er oder sie nur noch ans Überleben denkt, und versucht, sich einigermassen zu behaupten.

Oder dass vom Menschen verursachte wirtschaftliche und oekologische Katastrophen schon dafür sorgen werden, dass wir das geschilderte Luxusproblem nicht haben.

Wenn die Welt dank der geschilderten Fortschritte trotz allen Weltuntergangsszenarien jedoch weiterhin besser werden sollte, haben wir die historisch einmalige Chance, unsere geschenkte längere Lebenszeit noch länger positiv, sinnvoll und erfolgreich und glücklich zu gestalten und uns als homo sapiens weiterzuentwickeln.

Wie uns Neurologen versichern, nutzen wir ja erst einen Bruchteil der Kapazitäten unseres Hirnes, also desjenigen Organs, das uns recht eigentlich zum Menschen macht und uns auch zur Erreichung weiterer Evolutionsstufen befähigen kann.

Die kumulativen Erkenntnisgewinne in unserem „Age of the Brain“ werden uns dabei sicherlich unterstützen und nicht nur zu besseren Lernmethoden, sondern auch zu verbesserten man-machine interfaces und möglicherweise auch zu intelligenzsteigernden Psychopharmaka führen.

All dies wird jedoch voraussichtlich in einer durch den Klimawandel geprägten Umwelt geschehen. Es wird uns allen immer mehr bewusst, dass die ökologische Problematik auf unserem Planeten eine neue, sehr besorgniserregende Dimension erreicht hat.

Und doch erinnere ich mich, wie zu Beginn meines Studiums der Club of Rome das Versiegen aller Rohstoffe im Jahr 2000 prophezeite, die Befürchtungen um das Waldsterben bei uns in der Schweiz sich nicht bewahrheiteten und unsere Seen heute so sauber sind, dass sich unsere Fischer über zuwenig Nährstoffe für unsere Fische beklagen..

Ich bin deshalb zuversichtlich, dass gerade in besonders belasteten Volkswirtschaften, wie China, Technologien entstehen und rasch umgesetzt werden, die in einer erstaunlichen Geschwindigkeit zu einer Verbesserung der Verhältnisse führen können.

Ihre Energiewende ist ja ein erstaunliches Beispiel dafür, was mit koordinierter und kreativer Aktion in relativ kurzer Zeit erreicht werden kann.

Und bereits jetzt entstehende Technologien, werden dann auch dem gewaltigen Kontinent aus Plastik in den Weltmeeren zuleibe rücken koennen.

Schon in den ersten 2 industriellen Revolutionen wurden Massenarbeitslosigkeit und der Weltuntergang vorausgesagt. Viele technische Revolutionen forderten Opfer und die Zerstörung alter Strukturen, aber immer entstand auch Neues, Besseres dass man sich so kaum vorstellten konnte und das eine noch bessere Wertschöpfung, Produktivität und Selbstverwirklichung ermöglichte.

4 Mia. Menschen sind schon jetzt online und haben erst begonnen miteinander zu kommunizieren, zu kooperieren, zu kreieren und zusammen schöpferisch tätig zu sein.

Sie alle streben nach wirtschaftlicher Verbesserung, Glück und Erfolg. Das ist nicht nur eine Bedrohung, sondern auch eine ungeheure Chance.

Meine Damen und Herren, wie Sie bereits bemerkt haben, ich bin trotz der aktuellen und sich abzeichnenden Turbulenzen und Herausforderungen bezüglich unserer Zukunftschancen ein unverbesserlicher Optimist geblieben.

Wenn wir angesichts der gewaltigen Herausforderungen pessimistisch sind, so ist dies oft auf die Limitiertheit unserer Informationen oder unseres Beurteilungs- und Erkenntnisvermögens zurückzuführen.

Die Kreativität und Lernfähigkeit der Menschen wurde in der Vergangenheit regelmässig unterschätzt, und wir dürfen nicht vergessen, dass sie in den nächsten Jahrzehnten durch Technologien unterstützt werden, die in ihrer Effektivität einzigartig sein werden.

Oft vermögen wir die wahre Bedeutung epochaler technischer und kultureller Durchbrüche erst mit einem gewissen Abstand zu erkennen.

Und Bedenkenträger, Warner und Kritiker haben selten Probleme gelöst.

Das geschieht durch menschliche Erfindungskraft, Kreativität, Pioniergeist und konsequente, zähe Umsetzung und ich bin überzeugt, dass die Ideen, Talente, Methoden und Technologien zur Bewältigung unserer Probleme bereits vorhanden oder am Entstehen sind.

Ich glaube an die kreative Kraft der Menschen, ihrer Kooperation und des Wettbewerbes, und vor allem glaube ich an deren nie versiegenden Drang, zu lernen und zu entdecken, Neues zu erfinden und sich und ihre Situation verbessern zu wollen.

Ich glaube auch an die Kraft zum Guten, die uns Menschen innewohnt, und an die Möglichkeit, dass sich die Menschheit, zusammen mit ihren Schöpfungen dereinst zu einer neuen, höheren Stufe ihrer Evolution entwickeln kann.

Wer weiss, vielleicht entsteht dann wirklich als nächster Evolutionsschritt die von Teilhard de Chardin vorausgeahnte Noosphäre, ein unseren Planeten vereinigender Weltgeist, von dem das Internet nur ein materieller Anfang war.

Und nun danke ich Ihnen herzlich für Ihre sehr geschätzte Aufmerksamkeit.

Es war und ist für mich eine Freude und eine Bereicherung, hier sein zu dürfen, beim Volk der Denker, Dichter und Genies, das uns Schweizern in so vielerlei Hinsicht Inspiration, Faszination und Vorbild ist.

Und wenn ich Sie zum einen oder anderen Gedanken angeregt haben sollte, so würde mich das freuen.

Herzlichen Dank.

 


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