31.12.2016 | Studium | Dorothee Winkler Zurück zur Übersicht


G Day, Mate: How r ya? Impressionen aus Down Under

„Don’t worry about the world coming to an end today. It is already tomorrow in Australia.“ Charles Schulz


Im Rahmen meines Masterstudiums an der HEC Lausanne in der Schweiz nahm ich für ein Semester an dem Austauschprogramm mit der University of Queensland (UQ) in Brisbane, Australien teil. Aus einem Semester wurde letztlich ein ganzes Jahr und aus dem Austauschprogramm die bisher beste Erfahrung meines Lebens. Mit diesem Bericht möchte ich euch gerne an meinen Eindrücken teilhaben lassen und da Bildung und Tourismus sehr wichtige Exportindustrien des Landes sind, werde ich den Fokus hierauf legen.

Bildung

Als ich mich an Tag eins auf dem Uni Campus mit einer Python um den Hals und einem Selfie mit einem Baby Krokodil wieder fand, ahnte ich schnell, dass die Uhren hier etwas anders ticken. Konkret sind diese den europäischen Uhren zwölf Stunden voraus und offensichtlich schlägt sich dies auch in der Kultur nieder. Ob im Pyjama zur Uni, im Manga Kostüm ins Kino oder als Seniorin mit pinken Haaren in die Stadt: hier wird alles toleriert und der Individualität des Einzelnen sind keine Grenzen gesetzt.

Die Vorlesungen an der Universität sind deutlich interaktiver strukturiert, die Studenten internationaler und das Verhältnis zu den Professoren entspannter und freundschaftlicher als an europäischen Universitäten. Die Unterstützung muss nicht eingefordert werden, sondern wird aktiv von den Professoren angeboten, sei es im Rahmen der Jobsuche oder anderen persönlicheren Themen. Der Anteil an ausländischen Studenten insbesondere aus dem asiatischen Raum ist extrem hoch und über deren hohen Studiengebühren hat es Bildung zu einer der führenden Exportindustrien Australiens geschafft. Bemerkenswert ist auch das riesige Angebot an extra curricularen Aktivitäten an der UQ. Du bist Harry Potter Fan? Super, der Harry Potter Club rekrutiert gerade. Du wolltest schon immer einmal entlang der australischen Küste segeln? Der Kapitän des Nautik Clubs ist auf der Suche nach neuen Matrosen. Und wenn Du weder Harry Potter Fan noch Segler bist, findest Du Dich sicherlich in guter Gesellschaft im Chocolate Lover- oder German-Club. Letzterer ist eine feste Institution an der UQ und freut sich immer über The real Germans. Die Clubaktivitäten umfassen den Besuch des Brisbane Oktoberfestes, eine potenzierte Eskalation des Originals oder den Haxen Schmaus in den dortigen Brauhäusern. Ja, die German Culture ist schon etwas Feines. Die Campuskultur wird gelebt, sodass man ohne Probleme den ganzen Tag dort verbringen kann. Cafés, Restaurant, Sportclubs und selbst ein Krankenhaus sind auf dem Campus lokalisiert, sodass sämtliche persönlichen Belange sehr gut in den Uni-Alltag integriert werden können.

Tourismus

UluruDas wirklich Beeindruckende und Fesselnde in Australien ist allerdings die Natur. Und hiermit meine ich nicht in erster Linie die postkartenmäßigen Traumstrände mit ihren charakteristischen Surferboys und -girls und der bunten, vielfältigen Unterwasserwelt mit all seinen einzigartigen Bewohnern wie Walhaien oder Delfinen, sondern das Outback, das mich mit seinem zauberhaften roten Wüstensand, den atemberaubenden Sonnenauf- und -untergängen und dem glitzernden Sternenhimmel in seinen Bann gezogen und bis heute nicht losgelassen hat. Die unendlichen Weiten des Outbacks bekommen Perspektive verliehen, wenn man sich einmal vorstellt, dass es hier Rinderfarmen gibt von der Größe Belgiens (Stichwort: Anna Creek Station, größte Rinderfarm der Welt, deren Verkauf an chinesische Investoren in letzter Minute auf Grund ihrer strategischen Nähe zu militärischem Sperrgebiet verhindert wurde) und die Rinder unter Einsatz von Helikoptern geortet und dann von Cowboys für die immer mehr zunehmende Fleischeslust zusammengetrieben und verfrachtet werden. Der beste Weg die wahre Schönheit Australiens zu entdecken ist es also, seine sieben Sachen in einen kleinen Rucksack zu packen, die Zivilisation hinter sich zu lassen und einfach mit einem Campervan loszufahren. No Shower, no Make-Up. Übernachten darf man im Outback nämlich überall. Je nach Jahreszeit (!) wird die Kochstelle durch ein Lagerfeuer und das Bett durch einen Schlafsack ersetzt. Die Warnungen vor Buschfeuern in der Trockenzeit sollten allerdings unbedingt beachtet werden, da hier schon der ein oder andere naive Tourist einen Buschbrand verursacht hat. Der Schlafsack kann wahlweise direkt unter der Milchstraße, die sich hier in ihrer vollen Schönheit am Sternenhimmel erblicken lässt, ausgerollt werden. Dingos und Schlangen haben normalerweise kein allzu großes Interesse an europäischen Übernachtungsgästen, sagen aber von Höflichkeitswegen durchaus gerne mal „G’Day“.

OutbackDie Nächte im Outback sind kurz, da die Sonnenaufgänge um 4 Uhr in der Frühe am eindrucksvollsten sind. Sie zeigen sich meist erst schüchtern hinter einer der entfernten Bergkuppen, bevor sie sich mächtig in ihrer vollen Pracht präsentieren und direkt die nächtlich frostigen Temperaturen mit ihren angenehm warmen Strahlen vertreiben. Ergänzt wird dieses eindrucksvolle Szenario durch am Horizont vorbeispringenden Kängurus, die einen in eine romantische Stimmung versetzen, sodass selbst Rosamunde Pilcher erblassen würde. Die Tage werden mit Wüstenwanderungen verbracht oder dem Besuch des touristisch heiß begehrten Ayers Rock. Um den Aborigines, den Ureinwohnern Australiens und der bis heute leider stark marginalisierten Gruppierung, Respekt zu zollen, werde ich mich im Folgenden auf „Uluru“ beziehen, dem originären Namen des Ayers Rocks. Der rote, mystische Monolith, um dessen Ursprung sich bis heute viele Legenden und Mythen aus der Traumzeit ranken, ist ein Must-See jeder Australien Reise. Aus Respekt vor dem historischen Erbe der Aborigines wird allerdings in sechs verschiedenen Sprachen darum gebeten, diesen lediglich vom Boden aus zu bewundern im Rahmen des Base Walks und nicht zu besteigen. Europäer würden schließlich auch nicht den Kirchturm besteigen, oder? Leider sprechen viele Touristen weder Englisch, Deutsch, Französisch, Japanisch, Chinesisch noch Russisch, sodass sich immer wieder die ein oder andere Gruppe dorthin „verirrt“. Dabei kann die ganze Schönheit des Ulurus doch auch bei einem Gläschen Sparkling Wine ganz vorzüglich genossen werden.

Die Aborigines teilen das gleiche Leid wie die meisten Ureinwohner westlich bevölkerter Länder, die ihres Landes durch die Seefahrer enteignet, ermordet und die Nachkommen marginalisiert wurden. Sei es, dass ihnen die Kinder noch bis zum Jahr 1970 durch die Regierung im Rahmen der Assimilationspolitik genommen wurden, um diese in die Familie der „Weißen“ zu geben mit dem Ziel, die Kultur der Aborigines auszulöschen (Stichwort: „Stolen Generation“) oder ihr als heilig erachtetes Land durch die Bergbauindustrie vereinnahmt wurde. Die Aborigines werden bis heute zwar finanziell von der Regierung unterstützt, aber politisch nach wie vor benachteiligt und das letzte Heiligtum, der Uluru, von der Regierung zu Gunsten des Tourismus promotet. Allerdings soll dieser Artikel keine politische Diskussion darstellen, sondern lediglich ein mit Fakten hinterlegter, persönlich beeinflusster Reisebericht, der gerne aber zum Nachdenken anregen darf. In dem letzten Teil widme ich mich nun dem klassischen Tourismus in Australien.

12ApostelInsbesondere die Ostküste rund um das Great Barrier Reef ist fest in der Hand der 18- bis 30-jährigen überwiegend deutschen Touristen. Diese werden hier allerdings ausnahmslos „Backpacker“ genannt. Hierunter verirrt sich gerne auch einmal der 50-jährige Ex-Banker aus Europa, der nun doch festgestellt hat, dass so ein Büroleben nicht seinem wahren Ich entspricht und nun noch einmal die Mehrbettzimmer der australischen Hostels aufmischen möchte. Allerdings sein exquisites Abendmahl mit frischem Lachs in der Hostelküche dann gegen die neidischen Blicke der Budget-Backpacker verteidigen muss, die sich entweder Ravioli oder Mais kalt und direkt aus der Dose oder wahlweise zum 7. Mal in dieser Woche Pasta mit Soße auf der Zunge zergehen lassen. Hier ist er in bester Gesellschaft, denn die statistische Wahrscheinlichkeit mindestens einen Deutschen in seinem Hostelzimmer wiederzufinden liegt bei 99,9%. Somit kann die 18-jährige Lena aus Oberschwaben, die nach ihrem Abitur und vor ihrem BWL-Studium nochmal fix sich selbst finden möchte, sicher sein, dass sie sich auch hier fernab der Heimat wie zu Hause fühlt. Die besagte Zielgruppe unterstützt die australische Wirtschaft ganz hervorragend, sei es durch ihre kosteneffiziente Arbeitskraft auf Tomaten- oder Kirschplantagen oder durch die Förderung des hiesigen Konsums von Goon. Goon ist eine australische Besonderheit und aus der dortigen kulinarischen Vielfalt nebst BBQ nicht wegzudenken. Es handelt sich hierbei um in einem 4l Pappkanister verpackten Wein, zumindest laut Etikett. Für die Connaisseurs unter uns möchte ich allerdings anmerken, dass es sich hierbei um ein nicht definierbares Gemisch aus überwiegend Zucker und einem nicht näher charakterisierbaren Fusel handelt, Kopfschmerz am nächsten Tag inbegriffen. Besagte Targetgroup wird nach einem Jahr Australien nach Hause fahren, nicht selten das obligatorische Kompass-Tattoo als Andenken mitbringen und noch Jahre von ihrem Abenteuer in Down Under schwärmen, der eine mehr, die andere weniger.

Bin ich nicht selbst Teil dieser Gruppe, mag sich der ein oder andere Leser nun fragen. Sicherlich in einem bestimmten Maße. Allerdings war ich für das obligatorische Tattoo doch nicht mutig genug, sodass ich meine persönlichen Erkundungstouren auf alle Gebiete außerhalb der Ostküste fokussiert habe. Geht man denn nicht nach Australien, um einmal in Kontakt mit anderen Kulturen zu kommen? Schließlich lernt man sich doch selbst erst wirklich kennen durch den Kontakt mit Menschen eines anderen Alters, eines anderen kulturellen Hintergrunds und einer anderen Muttersprache (Anmerkung: Dieser Satz müsste korrekterweise zitiert werden, allerdings ist mir der Autor dieses inspirierenden Satzes leider entfallen).

WüsteAustralien führt zu Recht sämtliche „Happiness-Statistiken“ an und hat seinen Ruf als „Happy-Country“ nicht von ungefähr, da die Menschen hier deutlich entspannter und toleranter sind als in vielen europäischen Ländern. Der Lifestyle deutlich sportlicher und das Wetter einfach besser. Daher entschloss ich mich nach meinem Semester noch für ein weiteres halbes Jahr dortzubleiben, um von Melbourne aus meine Masterarbeit in Eigenregie zu schreiben. Die bis dato sicherlich beste Entscheidung meines Lebens.

In jedem Fall möchte ich sagen, dass Australien eine Reise wert ist und ich es nur jeder und jedem aus tiefstem Herzen empfehlen kann, sofern die Möglichkeit irgendwann im Leben besteht, sich einmal diese Me-Time am anderen Ende der Welt zu nehmen und sein eigenes Heimatland mit einem hoffentlich neuen Blickwinkel nach der Rückkehr zu bereichern. Auch mit über 50 gilt man im Hostel nicht als Exot, es sei denn, man möchte es! Und auch hier gilt: Alles darf, nichts muss. 


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